Vom VAC-Vorstand

Notgeld Bad Kösen 1921
Notgeld Bad Kösen 1921

Wir begleiten ein neues Jahr mit einem neuen Vorstand des VAC. Mit meinem Gruß zuvor erlaube ich mir, ermutigende Worte des VAC-Vorsitzenden Prof. Dr. Hermann Rink Hassiae, Gotiae an die Front zu tragen. Im besten Sinne. An mein Volk!  - Wir sind im Wort und in der Pflicht, endlich die Aussprache in Kösen, im Abgeordnetentag und im Congress mit unserem corpsstudentischen Leben - und Leiden - zu füllen.

 

Klaus Gerstein V Rheno-Guestphaliae, Rhenaniae Tübingen

Wir sehen uns als corpsstudentischen Verband, der in erster Linie und unabdingbar dem eigenen Gesetz verpflichtet ist. Wir sehen aber auch, daß wir nicht wie eine Solitärpflanze im Park stehen, sondern von einer Vielzahl akademischer Verbände umgeben sind, deren Tun und Lassen uns nicht kalt lassen kann und darf. In einer nur noch pauschal denkenden Öffentlichkeit  werden wir  fast unumgänglich immer mit ihnen in den gleichen Topf geworfen. Es sollte deshalb eine unserer vornehmen Aufgaben werden, auch in anderen Gesprächskreisen unseren Gedanken und Maximen Einlaß und Geltung zu verschaffen. Das bedarf nicht unbedingt vertraglicher Konstrukte, das bedarf des Wollens und der Auswahl geeigneter Persönlichkeiten.

 

Unsere Corps schauen auf eine über 200-jährige Geschichte zurück. Auch die später datierten Corps haben ihre geistigen Wurzeln in dieser Zeit und wir sind stolz darauf. Es gibt nur wenige Vereinigungen, die auf eine entsprechende Tradition zurück schauen dürfen. In dieser langen Zeitspanne hat sich unglaublich viel ereignet und ebenso viel verändert. Das deutsche Volk ist von 25 auf 75 Millionen angewachsen. Der politische Weg führte über die Kleinstaaterei des Deutschen Bundes, die Paulskirchen-Versammlung, zum Deutschen Kaiserreich über die Weimarer Republik und das 3. Reich hin in die Bundesrepublik unserer Tage. Die mittlere Lebenserwartung stieg von rund 40-45 auf 70-75 Jahre an. Düsenflugzeuge, Transrapid und PKW; Telefon, Internet und e-mail ließen Entfernungen schrumpfen und die Welten näher zusammen rücken. Menschen verschiedenster Herkunft, unterschiedlicher Religionen und Lebensauffassungen werden in diesem System durcheinander gewirbelt. Globalisierung prägt das  Geschehen unserer Tage. Für Aktien und Arbeiter, Firmen und Märkte, Börsen und Währungen schwinden die nationalen Grenzen. Gewinn, die Rendite, das Geld beherrschen den Markt und die Meinung, beherrschen aber auch das Planen und das Denken. Und das nicht nur im finanziell-wirtschaftlichen Bereich sondern auch im ethisch-moralischen Bereich und genau hier tun sich unsere Probleme auf.

 

Ein zweites kommt hinzu. Mit der Aufklärung begann die allgemeine Emanzipation, die den Menschen erst freimachte von kirchlichen und religiösen Zwängen, dann von Bevormundung durch Staat und Nation und heute zunehmend auch von den Bindungen in Familie und Ehe. Der wohlverstandene Freiheitsbegriff von Friedrich Schíller, der vereinfacht lautete „Freiheit wozu !  mündet in den chaotischen Freiheitsbegriff „frei sein von !“  Damit versank die Welt der Bürgerlichkeit, die Welt des wohlgekleideten Herrn im Zylinderhut, des sonntäglichen Kirchgangs,  des humanistischen Gymnasiums, das sich noch als Bildungs- und Erziehunganstalt verstand.  Damit versank auch die Welt der Band und Mütze tragenden Studenten mit dem Aufzug der Chargierten in Wichs und Fahnen zur feierlichen Rektoratsübergabe in der Aula unserer klassischen  Universitäten. In den 80er Jahren wurde diese Frage noch einmal mit dem damaligen Rektor der Universität Bonn, einem Schweizer Theologen, diskutiert. Seine Antwort war eindeutig : „Meine Herrn Sie können gerne kommen“, sagte er, „aber dann müssen Sie  sich den Platz teilen mit den Kommilitonen der Pateiformationen, mit den Studenten, die die roten Fahnen schwingen  Wollen Sie das wirklich ?“ - Man wollte nicht !

 

Wenn diese meine Kurzanalyse in etwa stimmt, wenn wir in unserer Mehrheit *cum grano salis* dieser Bewertung zustimmen können - dann sollten wir ein für allemal aufhören alten Zeiten nachzutrauern, die in dieser Form nie mehr zurück kommen können. Dann sollten wir aufhören an Symptomen herum zu kurieren, das kaschiert zwar ein bißchen aber auch nur vorübergehend das eigentliche Übel verspricht aber keine wirkliche Änderung. Dann sollten wir auch aufhören uns über kleinkarierte Unterschiede zu erregen, uns nicht voneinander distanzieren, das Trennende geradezu suchen, wo uns nur Einheit stark machen kann. Dann sollten wir uns zusammen finden auf einer gemeinsam zu errichtenden Plattform und ein gemeinsames Konzept, womöglich nur ein Minimalkonzept, erarbeiten - - - dieses aber ohne wenn und aber nach außen hin gemeinsam vertreten. Und wenn ich sage „wir“, dann meine ich uns alle, nicht nur eine handvoll sogenannter Funktionäre - wirklich alle ! Wir wollen nie verkennen, daß wir auf jede einzelne Persönlichkeit abheben, daß wir Vorbilder und Vorkämpfer in unseren eigenen Reihen brauchen, aber sie reichen in der heutigen Zeit der Massen nicht aus. Hinter jedem Einzelnen, der auftritt und hervortritt sollten hunderte Gleichgesinnter stehen. Dann muß auch klar werden, daß wir nicht spielen, daß wir nicht jedem Narren seine die Gesamtheit schädigende Narrheit lassen können, sondern daß jeder Einzelne gerufen ist. So wie  früher jeder dem Rufe “Burschen heraus !“ sofort und unbedingt Folge leisten mußte, wenn  er nicht in den Ruf eines Feiglings kommen wollte,

 

Wir haben nach wie vor viele bedeutende integre Persönlichkeiten aus fast allen Bereichen der Öffentlichkeit in unseren Reihen. Ich hatte Gelegenheit mit einigen solch favorisierten  Corpsstudenten zu sprechen und habe dabei die Frage aufgeworfen, ob und inwieweit Sie uns durch ein öffentliches Bekenntnis zum Corpsstudententum  helfen könnten. Die Antwort hat mich zu tiefem Nachdenken veranlaßt. Zusammengefaßt lautet sie : „Rink sorge Du dafür, daß ein Kösener-Verband hinter Dir steht, den man vorzeigen kann, auf den wir stolz sein  können, dann will ich mich gerne vor Deinen/Unsern Wagen spannen. - Solange ich mich allerdings auf das unmögliche Auftreten von Kösener Corpsstudenten in der Öffentlichkeit hinweisen lassen muß, - nein, - danke, das kann sich keiner antun, der in der Riege der oberen Zehntausend mitspielen darf.“  

 

Meine Herrn, tun Sie dieses Urteil nicht vorschnell ab. Ein guter Bekannter, ein verdienter AH, sagte mir anlässlich einer Unterhaltung über unsere akute Situation. „Rink, da muß ich passen, seit mein aktives Corps derart aus der Art geschlagen ist, fahre ich nicht mehr hin, Den Ärger muß ich mir nicht antun.“ Das heißt, der hier angesprochene Stachel sitzt häufig recht tief und er bleibt oft unausgesprochen. Wohlgemerkt ich rede hier nicht von einzelnen Verfehlungen und Ausrutschern, die gab es immer, sie wurden auch ausgebügelt und wenn es sein mußte auch bestraft. Nein, heute geht es um die Gefahr einer allgemeinen tendenziellen Vernachlässigung. Und dieses schädliche Tun läßt sich mit persönlicher Freiheit, nicht mit jugendlichem Übermut, nicht mit der These das sind ja nur Einzelne abtun - das geht einfach nicht. Das ist Direktionslosigkeit, das ist Mangel an Disziplin, das ist Provokation, das ist Vorbeibenimm und dazu gehört auch der Umgang mit Alkohol. Das sind Vergehen die unseren Erziehungsmaximen genau entgegenlaufen und es verbietet sich das gut zu heißen oder es auch nur laufen zu lassen oder dafür Verständnis aufzubringen. Wer dies gut heißt, wer dies laufen läßt, wer dafür Verständnis aufbringt und dafür eine Lanze bricht, schließt sich selbst aus unseren Reihen aus. Jeder Einzelne, der in unserem Bereich agiert, der die Farben seines Bundes, seines Corps trägt, repräsentiert dieses sein Corps in seiner Gesamtheit und was er tut, fällt auf seine Farben in toto zurück. Es kann nicht unsere Art sein -wie kürzlich beobachtet- als aktiver Corpsbruder bei einem derartigen öffentlichen Vorbeibenimm lachend daneben zu stehen mit den Worten: „da muß er durch“, - oder als Alter Herr zu sagen :  „ich schäme mich, aber was kann ich tun !“ 

 

Lassen Sie mich noch etwas zur allgemeinen Sorgenseite sagen. Viele unserer CC´s leiden  unter Nachwuchsmangel -quantitativ und qualitativ- teils anhaltend, so daß  das Problem bereits bei den AHV angekommen ist. Wir, der VAC-Vorstand können hier am wenigstens Abhilfe schaffen. Wir können jedoch die Gründe analysieren, die dazu führten und darauf basierend unterstützende Begleitmaßnahmen ergreifen. Der o.AT 2007 hat uns dazu ein neues Gremium, die Zukunftskommission, an die Seite gestellt. Ohne deren Ergebnissen vorgreifen zu wollen, darf ich einige recht allgemeine Dinge ansprechen:

Der Bekanntheitsgrad der Corps in der heutigen Studentenschaft liegt sehr im Argen. Die Väter, Onkel, Neffen, Paten, die früher fast überall vorhanden waren und auf unser Potential hingewiesen haben, gibt es kaum noch. Das klassische Gymnasium, das bis in die 50er Jahre noch abendländische Werte und Idealismus verbreitet hat, gibt es nicht mehr. Die Summe der Ablenkungen in unserer heutigen Spaß-Gesellschaft, samt den Ansprüchen der emanzipierten weiblichen Studentenschaft, machen den zeitlichen Einsatz für unsere Gemeinschaften in denen für den Bund etwas geleistet werden muß, immer schwerer.

 

Unsere Ahnen haben vor über 200 Jahren den Corps ihren unverwechselbaren Geist eingehaucht. Sie fanden als Kinder des klassischen Idealismus die Werte, die uns auch heute noch unverzichtbar und zeitlos erscheinen. Diese konnten über die Zeiten bewahrt werden, wenn auch Abstriche und Umdeutungen nicht ausbleiben konnten. Schließlich gehört es zum wesentlichen unserer Existenz, daß wir uns von Semester zu Semester verjüngen und daß wir uns mit der eintretenden jungen Generation, dem damit eingetragenen Zeitgeist von Elternhaus und Schule kommend, immer neu auseinander setzen müssen. Wir sollten nicht vergessen, daß unsere Corps nie Selbstzweck sondern immer Zusammenschlüsse von Studenten und für Studenten waren. Das ernsthafte Sinnen und Trachten der Studenten um 1800 ist aber nicht mehr deckungsgleich mit dem der Kommilitonen von 2000. Zumindest ist es sehr vielfältiger und pluralistischer geworden und dem gilt es auch Rechnung zu tragen.

 

Eine ernste, wenn auch keine tödliche, Herausforderung stellt die Umstellung auf das Bacchelor- und Master-System, kurz die Umstellung auf den Bologna-Prozeß dar. Das ist nicht mehr die Universität, das ist nicht mehr die universitäre Bildung, die wir uns wünschen und es regen sich genügend Widerstände dagegen. Wir müssen aber mit offenen Augen zusehen, wie auch die Hochschulen auf das Weltgeschehen, auf die Globalisierung reagieren. Ich denke, wir werden auch unter diesem System bestehen können, es wird uns möglicherweise auch Vorteile einbringen, aber es will erst einmal durchgestanden sein. Es erfordert einen schnelleren Wechsel auf der Bühne der Aktiven. Es wird uns mit einer anderen Studienmentalität vertraut machen. Wer im Studium schwächelt, wird keine Zeit zum Aktivsein finden, es sei denn das Corps ist in der Lage ihm Stärken zu vermitteln, die er braucht, um bestehen zu können. Und das wird das Corps der Zukunft sein, ein studentischer Zusammenschluß, der auf eine  lange und reiche Tradition zurückschaut, der aber voll im Leben  steht, der das an Bildung und Erziehung vermittelt, was die Universität nicht mehr leisten kann und will und der zugleich mit Stolz auf ein Netzwerk von Freundschaften und Kontakten hinweist, das seinesgleichen suchen kann. 

 

Ich darf annehmen, daß dies die großen Fragen sein werden, die uns durch die Amtszeit begleiten werden. Mit anderen Worten eine spannungsreiche und wie ich vermute arbeitsreiche Zeit wird vor uns liegen. Begleiten Sie uns meine Herrn, wir suchen Ihren verständigen Rat, wir benötigen Ihr Mitdenken und Ihr Mitarbeiten. Ich habe das Gefühl, daß sich das Schicksal des Corpsstudententums -nicht heute, auch nicht in vier Jahren,-  aber in der nächsten Dekade entscheiden wird. Wir brauchen in dieser Zeit viele engagierte Führer und begeisterte Corpsstudenten, Pioniere, die uns den Weg ins 21. Jahrhundert weisen und auch bahnen.

 

Ich bin kein geborener Optimist, aber ich hatte vor kurzem Gelegenheit die Konstitution eines neuen-alten Corps der Tigurinia in  Zürich mit zu erleben. Dieser Einsatzgeist, diese Freude, diese Zuversicht, dieser Wille, der davon ausging war ansteckend und der praktische Erfolg von sechs Füchsen zeigte deutlich, daß wir nicht in einem Wolken-Kuckucksheim waren.  Es geht also, es kommt ganz wesentlich auf uns, auf unsere Stimmung und auf unseren Einsatzgeist an. Wir haben eine traditionsreiche stolze Fahne, nun brauchen wir auch die Männer. die sie tragen !

 

Meine Herren wir bauen auf Sie !