Hohes Präsidium, werte Festcorona, geschätzte Gäste!
145 Jahre Corps Erz Leoben.
Das sind 145 Jahre Gemeinschaft, Freundschaft, Haltung und Verantwortung.
Wenn man sich diese Zahl bewusst vor Augen führt, dann erkennt man schnell: Unser Corps hat Monarchien, Weltkriege, Wirtschaftskrisen, technische Revolutionen und gesellschaftliche Umbrüche überstanden. Und wenn man sich manche politischen Debatten der letzten Jahre ansieht, dann könnte man fast meinen, unser Corps hat auch schon deutlich rationalere Zeiten erlebt.
Aber vielleicht ist genau das die Stärke traditionsreicher Gemeinschaften: Sie überstehen auch jene Phasen der Geschichte, in denen täglich neue Experten erklären, warum Stahlindustrie, Bergbau und Technik eigentlich Auslaufmodelle seien – natürlich meistens vom beheizten Großstadtbüro aus, dessen Existenz wiederum vollständig von Stahl, Energie und funktionierender Industrie abhängt.
Und genau deshalb ist dieses Stiftungsfest weit mehr als ein feierlicher Blick zurück – es ist auch ein Anlass, den Blick nach vorne zu richten.
Denn wir leben in einer Zeit großer Veränderungen.
Die Weltwirtschaft befindet sich im Wandel. Geopolitische Spannungen, Energiekrisen, steigender internationaler Wettbewerbsdruck, Handelskonflikte und Unsicherheit auf den globalen Märkten fordern Europa und insbesondere den Industriestandort Österreich heraus. Jahrzehntelang galt Europa als industrielle Herzkammer der Welt – heute diskutieren wir teilweise länger über Genehmigungen für Industrieanlagen als andere Länder über deren Fertigstellung.
Während in Asien neue Werke gebaut werden, schaffen wir es in Europa oft, zumindest einen hochqualitativen Arbeitskreis zur Evaluierung der Vorstudie zur Machbarkeitsanalyse einzurichten. Fortschritt dauert eben – besonders dann, wenn fünf Ministerien, drei Behörden und ein Arbeitskreis für nachhaltige Kommunikation zuständig sind.
Gerade Österreich spürt diese Entwicklungen besonders stark. Unsere Wirtschaft lebt nicht von riesigen Rohstoffvorkommen oder digitalen Plattformmonopolen. Österreich lebt von seiner Industrie. Von Innovation. Von technischem Know-how. Von Menschen, die anpacken. Von Ingenieuren, Forschern und Unternehmern.
Und damit sind wir mitten in jener Welt angekommen, die uns als Montanisten besonders betrifft.
Nehmen wir z.B. die voestalpine. Sie steht exemplarisch für die Herausforderungen unserer Zeit. Österreichs größter Stahlproduzent kämpft mit hohen Energiepreisen, schwächelnder europäischer Industrieproduktion und zunehmender Konkurrenz aus Asien. Gleichzeitig investiert sie Milliardenbeträge in die Transformation hin zu „grünem Stahl“ und elektrischen Lichtbogenöfen.
Das ist ein Kraftakt historischen Ausmaßes. Denn die Industrie soll gleichzeitig klimafreundlicher produzieren, günstiger werden, international konkurrenzfähig bleiben und am besten auch noch Arbeitsplätze sichern. Das erinnert ein wenig an die Anforderungen an heutige Studenten: Top-Noten, drei Praktika, Auslandserfahrung, perfekte Work-Life-Balance – und bitte trotzdem keine Studienzeitüberschreitung.
Die voestalpine zeigt dennoch eindrucksvoll, dass österreichische Industrie bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Projekte wie „greentec steel“ beweisen, dass Transformation möglich ist – allerdings nicht mit ideologischen Schlagworten allein, sondern mit Technologie, Forschung und enormem Kapitaleinsatz. Stahl entsteht eben nicht durch gute Absichten und Hashtags.
Und wenn man ehrlich ist: Die Industrie war schon nachhaltig unterwegs, lange bevor Nachhaltigkeit zum politischen Modewort wurde. In einem Stahlwerk wurde schon recycelt, als manche heutigen Politiker noch geglaubt haben, Kreislaufwirtschaft sei ein Yogakurs.
Ähnlich verhält es sich bei BÖHLER Edelstahl. Böhler steht seit Jahrzehnten für Hochleistungswerkstoffe, Präzision und technologischen Vorsprung. Spezialstähle aus Kapfenberg finden sich in Luftfahrt, Medizintechnik, Energietechnik oder Hochleistungsmaschinen – oft dort, wo höchste Belastbarkeit und Qualität entscheidend sind.
Und gerade diese Unternehmen zeigen, dass Österreich international noch immer dort stark ist, wo Können wichtiger ist als bloße Masse. Denn Spezialstähle kann man nicht einfach irgendwo billig kopieren. Dafür braucht es Erfahrung, Forschung und hochqualifizierte Mitarbeiter – also genau jene Dinge, die Excel-Tabellen internationaler Beratungsfirmen oft erstaunlich schwer erfassen können.
Natürlich steht auch Böhler unter Druck. Energiekosten, regulatorische Vorgaben und globale Konkurrenz machen langfristige Planung schwierig. Teilweise gewinnt man den Eindruck, die Industrie müsse heute mehr Formulare ausfüllen als Stahl produzieren. Aber dennoch investiert Böhler konsequent in Innovation und moderne Werkstoffentwicklung.
Und vielleicht liegt genau darin eine typisch österreichische Stärke: Nicht laut sein. Nicht ständig große Schlagzeilen produzieren. Sondern solide arbeiten, innovativ bleiben und sich auch in schwierigen Zeiten behaupten. Der österreichische Ingenieur neigt eben traditionell weniger zu revolutionären Tweets als zu funktionierenden Lösungen.
Ein weiteres Beispiel für die aktuellen Herausforderungen ist RHI Magnesita – ein Unternehmen, das vielleicht weniger im öffentlichen Rampenlicht steht, aber für die Industrie unverzichtbar ist. Ohne Feuerfestmaterialien gäbe es keine Stahlproduktion, keine Zementwerke, keine Glasindustrie. Man könnte also sagen: RHI Magnesita sorgt dafür, dass es in Hochöfen heiß bleibt – während es in manchen politischen Diskussionen eher an heißer Luft nicht mangelt.
Der austro-brasilianische Feuerfestkonzern zeigt eindrucksvoll, wie stark Österreich gerade in industriellen Nischen weltweit aufgestellt ist. Das Unternehmen agiert global, beliefert Schlüsselindustrien auf mehreren Kontinenten und muss gleichzeitig mit schwankenden Rohstoffpreisen, instabilen Märkten und geopolitischen Unsicherheiten umgehen.
Und genau hier zeigt sich, wie komplex moderne Industrie geworden ist. Früher hatte ein Unternehmen vielleicht Sorge, ob der Hochofen läuft. Heute muss man zusätzlich analysieren, ob Lieferketten stabil bleiben, welche Sanktionen morgen beschlossen werden, wie Energiepreise nächste Woche aussehen und welche regulatorische Idee in Brüssel gerade entsteht.
Manchmal hat man fast das Gefühl, der Werkstoffteil der Produktion sei der einfachste geworden.
Was all diese Unternehmen verbindet, ist mehr als nur ihre wirtschaftliche Bedeutung.
Sie alle brauchen hochqualifizierte Menschen. Menschen mit technischem Verständnis. Menschen mit Verantwortungsbewusstsein. Menschen mit Charakter.
Und genau hier kommt die Montanuniversität Leoben ins Spiel.
Unsere Alma Mater ist weit mehr als eine Ausbildungsstätte. Sie ist ein Fundament des Industriestandorts Österreich. Sie bildet jene Fachkräfte aus, die den Wandel gestalten sollen. Von Werkstoffwissenschaften über Rohstofftechnik bis hin zu Recycling, Energietechnik und seit neuestem auch Digitalisierung – die Montanuniversität verbindet Tradition mit Zukunft.
Doch auch die Montanuniversität steht vor Herausforderungen.
Der Wettbewerb um Studierende wird international härter. Junge Menschen entscheiden sich heute oft schneller für vermeintlich modernere oder populärere Studienrichtungen. Gleichzeitig wächst die gesellschaftliche Distanz zur Industrie. Man spricht viel über Digitalisierung und künstliche Intelligenz – aber oft zu wenig über jene Grundlagen, ohne die unsere moderne Welt überhaupt nicht funktionieren würde: Stahl, Werkstoffe, Energie, Infrastruktur, Rohstoffe.
Dabei wird gerne vergessen:
Und dennoch hat man manchmal den Eindruck, technische Universitäten müssten sich heute fast dafür rechtfertigen, dass sie Technik unterrichten. Vielleicht erleben wir bald den ersten Hörsaal mit Triggerwarnung vor Thermodynamik.
Wer an der Montanuniversität studiert hat, weiß: Zwischen Studierenden, Professoren und Verwaltung herrschte schon immer eine gewisse Form kreativer Spannung. Manche Prozesse an Universitäten erinnern ein wenig an geologische Vorgänge – sie bewegen sich über lange Zeiträume, erzeugen großen Druck und irgendwann entsteht daraus entweder ein Diamant oder ein neuer Antrag.
Aber bei aller Kritik muss man eines anerkennen: Die Montanuniversität hat es über Jahrzehnte geschafft, einen guten Ruf zu bewahren. Sie bildet weiterhin Spitzenkräfte aus, genießt internationales Ansehen und bleibt eng mit der Industrie verbunden – und genau das ist entscheidend.
Und damit komme ich zu jenem Punkt, der uns heute Abend hier zusammenführt: dem Verbindungswesen.
Auch wir stehen vor Veränderungen. Die Gesellschaft wird schneller, digitaler, unverbindlicher. Freundschaften entstehen heute oft mit einem Klick – und verschwinden genauso schnell wieder. Haltung wird durch kurzfristige Empörung ersetzt. Diskussionen werden oberflächlicher. Gemeinschaft wird oft nur noch konsumiert, aber nicht mehr gelebt.
Gerade deshalb haben Verbindungen auch heute noch eine wichtige Aufgabe.
Nicht als nostalgischer Rückzugsort. Nicht als Selbstzweck. Sondern als Orte echter Gemeinschaft. Orte, an denen Verantwortung, Freundschaft, Loyalität und gegenseitige Unterstützung gelebt werden. Orte, an denen Generationen miteinander verbunden bleiben.

Natürlich müssen auch wir uns weiterentwickeln. Tradition darf niemals Stillstand bedeuten. Die Aufgabe unserer Generation wird es sein, das Verbindungswesen offen, zukunftsorientiert und verantwortungsvoll weiterzutragen – ohne dabei unsere Grundwerte aufzugeben.
Denn gerade in einer Welt zunehmender Beliebigkeit brauchen junge Menschen Orientierung, Zusammenhalt und Netzwerke, die über den nächsten Karriereschritt hinausgehen.
Wenn wir ehrlich sind, dann war die Geschichte unseres Corps niemals eine Geschichte einfacher Zeiten. Unsere Vorgänger mussten Krisen bewältigen, politische Umbrüche erleben und schwierige Entscheidungen treffen. Und dennoch haben sie dieses Corps über 145 Jahre hinweg getragen.
Das sollte uns Mut machen.
Denn trotz aller Herausforderungen gibt es auch Grund für Optimismus. Österreich verfügt über hervorragende Unternehmen, hochqualifizierte Menschen und starke Bildungseinrichtungen. Innovation entsteht nicht im luftleeren Raum – sie entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und gemeinsam an Lösungen arbeiten.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Abends:
Wenn wir diesen Geist bewahren, dann müssen wir vor der Zukunft keine Angst haben.
In diesem Sinne wünsche ich unserem Corps Erz Leoben weiterhin Kraft, Zusammenhalt und eine starke Zukunft.
Und ich darf mit einem Zitat, oder vielmehr einem Spruch enden, der das gesagte perfekt zusammenfasst, den nahezu jeder in diesem Raum kennt und der, sollte er jemandem entfallen sein, sogar unser Wappen ziert:
Durch Eintracht stark, mit Mut zum Ziel!
Heil Erz!
