Brauchtum und Tradition / Barbara Rede 2008

Barbarafeier der Gesellschaft der Leobener Bergbaustudenten

Barbara Rede 2008
Prof. Dr. Helmut Flachberger
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AH Flachberger
AH Flachberger

ZUM BARBARAFEST 1)

 

Wenn hoch vom Turm die Glocken künden,
die Bergleut' sich zum Feste finden
und dort nach altem, treuen Brauch,
Sankt Barbara gedenken auch,

 

fühlt jeder, dass im dunklen Stollen
der Tod sich kann sein Opfer holen,
und hebt die Augen himmelwärts,
horcht auf den Schlag im Bergmannsherz.

 

Nur seinen Lieben gilt sein Streben,
setzt ein dafür sein Blut und Leben.
Mit Dankbarkeit denkt er zurück;
er blieb verschont, er hatte Glück.

 

Und betet, dass es ihm beschieden,
gesund zu bleiben, stets in Frieden.
Geht er einst ein in ew'ges Land,
reicht Barbara ihm dann die Hand.

 

Josef Nobis

Liebe Studierende, Mitarbeiter der Lehrstühle, Kollegen, Emeriti!

 

Wir begehen heute das Fest der heiligen Barbara, um ihr zu danken, dass sie im vergangenen Jahr Unglück von uns fernhielt und sie zu bitten, dass sie auch in Zukunft ihre schützende Hand über uns hält.

 

Die hl. Barbara ist seit Jahrhunderten unsere Schutzpatronin und sie ist auch in der Außensicht eine weitum bekannte Schutzheilige für unsere Berufsgruppe. Bei genauerem Studium der relevanten Literatur wird aber deutlich, dass sie noch für eine ganze Reihe weiterer Patronate zuständig ist – ohne Anspruch auf Vollständigkeit wären hier die Hüttenleute, die Architekten, die Artilleristen, die Dachdecker und Bauarbeiter, die Büchsenmacher, die Gefangenen, die Blitzopfer und überhaupt für alljene, die plötzlich zu Tode kommen. Sie ist wahrlich eine viel beschäftige Heilige.

 

Um den Hintergrund für diese vielfältigen Aufgaben zu ergründen, lohnt das Studium der Legende rund um das Leben dieses außergewöhnlichen Wesens, wobei ich mich auf einen Text aus dem Buch Hl. Barbara 2 von Helmut Eberhart beziehe. Eberhart wiederum bezieht sich auf eine Übersetzung eines griechischen Textes aus dem Jahr 866 – dem sogenannten Codex Vaticanus.

 

Barbara lebte im 3. Jahrhundert im Gebiet der heutigen Türkei. Ihr Vater, Dioskoros, war sehr wohlhabend und dem heidnischen Glauben zugetan. Er erbaute für seine wunderschöne

Tochter einen hohen Turm, in den er sie einschloss. In diesem Turm wuchs sie auf und das Gerücht um ihre Schönheit und Klugheit lockte Männer aus nah und fern an, die sie aber
allesamt abwies.

 

Einmal, als ihr Vater für längere Zeit verreist war, stieg sie vom Turm herab, um das im Anschluss an den Turm entstehende Bad ihres Vaters zu begutachten. Sie veranlasste dort einige Änderungen – so ließ sie den zwei Richtung Süden fertig gestellten Fenstern ein drittes hinzufügen, gen Osten ritzte sie mit ihrem Finger ein Kreuz in den Marmor ein und im Gewölbe, wo das Wasser austrat, hinterließ sie ihren Fußabdruck. Beim Rückweg in den Turm empfing sie den heiligen Geist durch die Kraft Gottes in – wie die Übersetzung vorgibt – den mannigfaltigen, gewandten, durchdringenden, reinen, klaren, unversehrten, alles beobachtenden, das Gute liebenden, scharfsinnigen, das Gute bewirkenden, festen, starken und unbekümmerten Geist.

 

Als ihr Vater zurückkehrte, grollte er ihr ob der vorgenommenen Änderungen und wollte sie töten. Da begann sie zu beten und es ging der Boden unter ihr auf, der Fels nahm sie auf und gab sie auf einem Berg wieder frei. Dort weideten zwei Hirten, wovon der eine Barbara zu schützen versuchte, der andere aber ihrem Vater deren Unterschlupf verriet. Barbara verfluchte den zweiten Hirten, dessen Schafe sofort zu Käfern wurden. Ihr Vater sperrte sie ein, übergab sie dem Statthalter und ließ sich das Versprechen geben, dass er sie unter furchtbaren Martern töten werde. Der Statthalter, von ihrer Schönheit beeindruckt, gab ihr die Chance, ihr Leben zu retten, wenn sie ihrem Glauben abschwor und den heidnischen Göttern Opfer geben würde. Sie verneinte mit den Worten: „ Ich bin bereit, meinem Herrn Jesus Christus, der Himmel, Erde und Meer und alles, was darin ist, erschaffen hat, zu opfern. Denn über deine Götter spricht der Prophet: „Sie haben einen Mund und können nicht reden. Sie haben Augen und sehen nicht. Sie haben Ohren und können nicht hören, sie haben eine Nase und riechen nicht, sie haben Hände und sie greifen nicht, sie haben Füße und sie gehen nicht, es kommt aus ihrer Kehle kein Laut. Ihnen gleichen, die sie gebildet, und jeder, der auf sie baut“.

 

Der Statthalter ließ sie in seiner Wut halbtot peitschen, bis ihr ganzer Körper blutete. Über Nacht erschien ihr der Heiland in der Zelle, bestärkte sie in ihrem Glauben, segnete sie und augenblicklich verschwanden alle Wunden. Der zweite Tag brachte durch den durch die wundersame Heilung zusätzlich erbosten Statthalter eine ganze Reihe qualvoller Martyrien, die sie allesamt tapfer ertrug und zum Himmel blickend Christus bat, dass er sie in diesen Stunden nicht verlassen möge. Sie wurde zu einem entfernten Statthalter durch das halbe Land geschleppt und öffentlich gedemütigt, wobei Engel herbei eilten, um ihren geschundenen Körper mit weißem Gewand zu bedecken. Der gottlose Statthalter befahl den Tod durch das Schwert, ihr von Wut erfüllter Vater führte sie auf eine nahe gelegenen Berg und vollzog das Urteil mit eigenen Händen. Zuvor bat sie Gott um eine letzte Gnade, nämlich, dass, wer immer Gott bzw. seiner Dienerin gedenkt, auch der Tage ihres Martyriums gedenken soll.

 

Als ihr Vater nach vollbrachter Tat vom Berg herabstieg, wurde er von herunterfallendem Feuer vollständig verbrannt. Der Leichnam der hl. Barbara wurde in Heliopolis von einem frommen Mann in ein heiliges Gebäude gebracht. Ihr Martyrium endete am 04. Dezember. Die Legende hat für mich über die zweifelsohne bedeutende religiöse Botschaft hinaus noch eine ganze Reihe weiterer bedenkenswerter Gesichtspunkte, die das Leben des Menschen durch die verschiedenen Lebensphasen und Möglichkeiten zu deren Bewältigung aufzeigen.

 

Einige der wesentlichen Kernkomponenten dieser Legende sind für mich

 

  • die Zeit im Turm
  • die Vornahme der Änderungen im Bad in Abwesenheit des Vaters und die darauf folgende Konfrontation mit dem Vater
  • die Flucht durch den Berg
  • das Martyrium von Barbara bis zu deren Tod
  • der Tod des Vaters

 

Die Zeit der Kindheit und Jugend in einem Turm zu verbringen, ist zunächst einmal nicht von vorne herein schlecht. Die Türme ermöglichen zum einen einen Blick in die Ferne, zum anderen bieten die Mauern des Turms Schutz. Geschützt und behütet aufzuwachsen ist ja auch heute noch eine grundlegende Basis für ein Grundvertrauen in das Leben als Ganzes.

 

Es stellt sich nur angesichts der heutigen gesellschaftlichen Entwicklung die Frage, ob wir als Gesellschaft unseren Kindern noch diese Türme, die Orte des absoluten Beschützt- und Behütetseins, noch ausreichend zur Verfügung stellen können. Ich meine nicht, zumindest oftmals nicht in ausreichendem Maße.

 

Mit zunehmendem Alter werden die schützenden Mauern aber verstärkt als Einschränkung empfunden, es drängt einen, die schützenden Mauern zu überwinden, nicht nur mehr in die

Ferne zu blicken, sondern hinaus in die weite Welt zu ziehen. Diese Zeit des Erwachsenwerdens ist vielfach von Ängsten und Irritationen begleitet und der dabei auch in sich selber empfundene Widerspruch zwischen „noch beschützt sein wollen“ und „dem nach außen Drängen“ ist eine schwierige Phase im Leben von uns Menschen. Seine eigene Meinung, seine eigene Überzeugung, seinen eigenen Geist auszubilden und zu formen, das festgelegte Lebensbild des Vaters kritisch zu hinterfragen und dieses „junge Pflänzchen“ gegen die z.T. durch die Vorväter über Generationen geprägte, und damit altbewährte bzw. „eingefahrene“ Geisteshaltung durchzusetzen und auch Zeichen zu setzen – in der Legende verbildlicht durch die von ihr angeordneten Umbauarbeiten – das führt unweigerlich zu Konflikten. Diese sind geradezu vorprogrammiert und das ist allzu verständlich, weil durch dieses „Kratzen“ auch das Weltbild des Vaters ins Wanken gerät. Der Vater kann hierbei übrigens auch als Platzhalter für die in der jeweiligen Gesellschaft allgemein verbindliche Geisteshaltung oder aber auch die Botschaften der Sippe stehen. Je nach demToleranzrahmen der jeweiligen Gesellschaft oder Sippe kann eine abweichende Geisteshaltung auch in der heutigen Zeit noch mit „dem Verlust des Kopfes“ einher gehen, ein Blick in die Zeitung genügt.

 

Die Legende zeigt uns einen möglichen Weg auf, wie wir diesen Konflikten begegnen können. Dieser Weg durch den Fels kann natürlich als eine von „ganz oben“ organisierte Fluchtvariante betrachtet werden, aber auch als von Gott begleiteter Gang in die Tiefe, in die Tiefen des Selbst. Viele Antworten, die das Leben an uns heranträgt, liegen in den Tiefen unseres Selbst als Schätze verborgen, bereit, gehoben und ans Tageslicht gebracht zu werden. Die Klarheit des Geistes zu erlangen, wie es in der Legende heißt, gelingt meines Erachtens nur über diesen inneren Rückzug. Der Gang in die Tiefe braucht u.a. Muße und Courage – beides in unserer Gesellschaft vom Aussterben bedrohte Lebensweisen.

 

Keiner weiß so gut wie wir Bergleute, mit welchen Gefahren das Graben nach Schätzen in der Tiefe verbunden ist. Auch der Berg gibt uns seine Schätze nicht freiwillig, wir müssen
schon hinabsteigen und uns den Gefahren, die in der Tiefe lauern, stellen. Da unten geht es oft heiß her, es ist stockdunkel und die dort unten wirkenden Kräfte sind furchteinflößend. Mit den Tiefen des Menschen ist es oft nicht anders, was da oftmals an verschütteten, verdrängten Informationen in uns lagert, kann auch als Bedrohung angesehen werden. Daher bleiben viele Menschen lieber an der Oberfläche, auch bei der Gestaltung ihres eigenen Lebens.

 

Das Martyrium der hl. Barbara – man könnte interpretieren, dass dieses für uns in der Legende im Zeitraffer dargestellt ist – kann auf die zahllos möglichen schmerzlichen Momente in unserem Leben hinweisen – auf das sich Verabschieden von geliebten Menschen, von krankheitsbedingten körperlichen Schmerzen und damit einher gehenden Einschränkungen der Lebensqualität, niedergebrannten Häusern, verlorenen Arbeitsplätzen, am Aktienmarkt verspieltem Vermögen – die Liste ist beliebig erweiterbar. Es gilt sich diesen schwierigen Situationen des Lebens mutig zu stellen und sie nicht in den Ablenkungen unserer Spaßgesellschaft zu übertönen oder diese mittels Alkohol zu ertränken, um nur zwei Möglichkeiten aus vielen zu nennen, um diesen auszuweichen. Gerade diese schwierigen Momente sind Lebensphasen bzw. bedeutende Augenblicke, wo inneres Wachsen und das Erlangen der „klaren Sicht des Geistes“ möglich wird.

 

Einmal abgesehen vom für uns als gerecht wahrgenommenen Tod des Vaters hat diese Legende kein Happy-End parat, „kein Prinz auf weißem Schimmel eilt herbei, um seine Barbara zu retten“, sie ereilt der Tod durch das Schwert. Auch dessen müssen wir Menschen uns gewahr werden bzw. sein, dass nicht alles im Leben gelingt, dass wir sterbliche Wesen sind und das „wie“ und „wann“ unserer letzten Stunden auf Erden bis zum Schluss im Dunkeln bleibt. Uns Bergleuten bleibt aber die Hoffnung, dass uns die hl. Barbara bei unseren letzten Atemzügen begleitet und uns aus der Dunkelheit führt.

 

BARBARA-PROGLOG 1)

 

Nimm heute unsern Gruß entgegen,
an Deinem Tag, Sankt Barbara!
Du Licht auf allen dunklen Wegen,
du Schützerin in der Gefahr.

 

Steh’ uns auch weiterhin zur Seite
und hilf uns, wenn ein Unglück naht –
Du Heilige, Du Hilfsbereite,
im Schachte tief bei uns’rer Tat.

 

Du weißt: Der Berg hat dunkle Straßen,
durch die des Todes Atem weht –
dann hilf, dass wir uns reuig fassen
und Gott anrufen im Gebet.

 

Wir grüßen Dich, wir Knappen alle!
Dir sei der heut’ge Tag geweiht.
Dich ehren wir – und froh erschalle
ein Lied zu Dir in Dankbarkeit!

 

Rudolf Koßack

 

Ich wünsche uns eine gelungene und unbeschwerte Barbarafeier und Ihnen allen
einen friedvollen Advent, Glückauf!
Prof. Dr. Helmut Flachberger Leoben, 03.12.2008

 

Literatur

1) Kirnbauer, Franz: Lob auf St. Barbara, Leobener grüne Hefte (1957),
Heft 30, Bibliothek der MUL, Nr. 8 163/30

2) Eberhart, Helmut: Hl. Barbara, aus: Unsere Heiligen (1988), Band 1,
ISBN 3-85365-0708