Corpsstudenten / Ketteler, Wilhelm Emanuel Freiherr von

Ketteler, Wilhelm Emanuel Freiherr von
*25.12.1811 in Münster, +13.07.1877 im Kapuzinerkloster im oberbayerischen Burghausen. Corps Guestphalia Göttingen (heute Corps Hildeso-Guestphalia Göttingen)

Erzbischof von Mainz (1849 - 1877) Begründer der katholischen Soziallehre. Abgeordneter des Frankfurter Parlaments 1848/49 und des Reichstages 1871/72

 

Horst Grimm/Leo Besser-Walzel, Die Corporationen, Frankfurt am Main, 1986

 

Geboren als viertes von neun Kindern des ehemaligen Landrates Maximilian Friedrich Freiherr von Ketteler-Harkotten und der Clementine Freifrau von Ketteler, entstammte K. altem westfälischem Adel. Ab 1824 besuchte der etwas schwierige und mit aufbrausendem Temperament veranlagte Junge das von Jesuiten geleitete Internat von Brig im Schweizer Kanton Wallis. Als durchschnittlicher Schüler bestand er 1829 das Abitur in Münster.

An der Universität Göttingen begann er das Studium der Rechte und der Staatswissenschaft, das er ab 1831 in Berlin fortsetzte. Dort hörte er u. a. Karl Friedrich von Savigny, den Begründer der Historischen Rechtsschule. 1835 bestand er das Referendarexamen und trat in den Staatsdienst ein. Als persönliche Konsequenz verließ er diesen wieder infolge des Kölner Ereignisses von 1837. Die Verhaftung des dortigen Erzbischofs machte es ihm unmöglich, weiter im Dienst eines Staates zu bleiben, der sich rücksichtslos in den Gewissensbereich seiner Bürger und das Selbstbestimmungsrecht der Kirche einmischte.

Nach einer dreijährigen Phase der inneren Klärung bezüglich des nun einzuschlagenden Lebensweges entschloß sich K. Priester zu werden. 1841-1843 folgte das Studium der Theologie in München. Er gehörte dem Kreis um Joseph Görres an. Am 1.7. 1844 wurde K.in Münster zum Priester geweiht. Bereits als Kaplan in Beckum wurde sein Interesse an der sozialen Frage deutlich. Auf seine Anregung hin wurde dort ein Krankenhaus für die unteren Schichten eingerichtet. Im November 1846 übernahm er die verwahrloste Gemeinde Hopsten, hier war die Not mit Händen zu greifen. Die Jahre bis 1848 als Bauernpastor haben K. entscheidend geprägt. Sein unermüdlicher Einsatz galt der Linderung des durch Armut, Krankheit und mangelnde Ausbildung hervorgerufenen Elends.

 

Die mehrmonatige Zugehörigkeit zum Frankfurter Parlament vom Juni 1848 bis zum Januar 1849 machte K. auch im übrigen Deutschland bekannt. Seine Gedenkrede am Grab der im Verlauf des September-Aufstandes getöteten Abgeordneten erregte großes Aufsehen. Im Oktober des gleichen Jahres nahm er in einem Redebeitrag anläßlich des ersten Katholikentages in Mainz die soziale Not zum Anlaß, der Kirche bzw. dem christlichen Glauben bei der Lösung dieser Problematik eine entscheidende Rolle zuzuweisen.Auch die sechs Adventspredigten im Mainzer Dom (gleichfalls 1848 gehalten) stellten die soziale Frage in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. 1849 wurde K. Propst an St. Hedwig in Berlin. Bereits ein halbes Jahr später ernannte ihn Pius IX. zum Bischof von Mainz. Dort entfaltete er eine überaus reiche Seelsorgetätigkeit und brachte die Mainzer Diözese zur neuen Blüte. Er reformierte die Priesterausbildung, bewog zahlreiche Orden zur Wiederaufnahme ihrer Arbeit und baute das Schul- und Krankenhauswesen aus. K. hatte erkannt, daß der Staat den mit der Industrialisierung verbundenen sozialen Problemen noch nicht mit einem angemessenen Instrumentarium von Absicherungen und Steuerungsmaßnahmen begegnen konnte. Den Fabrikarbeitern galt die vordringliche Sorge des Mainzer Bischofs. Sein weitverbreitetes Buch Die Arbeiterfrage und das Christentum erschien 1864. K. untersuchte darin im Anschluß an Ferdinand Lassalle die Lage der Arbeiterschaft. Sozialkaritative Maßnahmen allein konnten seiner Ansicht nach nicht mehr die Lösung der sozialen Frage bewirken. Die ungerechten Strukturen mußten entscheidend verändert werden, um den Arbeitern die Existenzsicherung zu gewährleisten.

 

In der Errichtung von Produktiv-Assoziationen sah K. die Lösung. Er wußte jedoch um den langen und durch mancherlei Hindernisse erschwerten Weg bis zu einer gerechteren Gesellschaft. Sowohl im Staat als auch bei jedem einzelnen bedurfte es daher der Gesinnungsreform: Die Lösung der Arbeiterfrage war für den Mainzer Bischof aufs engste mit dem in die Tat umgesetzten christlichen Glauben verknüpft. In seinen berühmten Reden vor Handwerksgesellen in Mainz, vor dem deutschen Episkopat in Fulda und vor mehreren tausend Arbeitern auf der Liebfrauenheide bei Offenbach trug der engagierte Vorkämpfer des sozialen Katholizismus immer wieder sein Programm vor. Dort forderte er auch die Pflicht des Staates zu einer entsprechenden Gesetzgebung ein. Es waren insbesondere fünf Punkte, die einer Regelung bedurften: die Erhöhung des Arbeitslohnes, die Verkürzung der Arbeitszeit, die Gewährung von Ruhetagen, das Verbot der Kinderarbeit, die Abschaffung der Fabrikarbeit von Müttern und jungen Mädchen. Trotz dieser umfassenden Programmatik wünschte der Arbeiterbischof die liberalistisch geprägten Wirtschaftsstrukturen nicht im Sinne einer sozialen Revolution umzustürzen, sondern im Sinne einer auf konkrete Problemstellungen akzentuierten Sozialpolitik zu reformieren.

 

Die Industriegesellschaft als unabdingbares Erfordernis der Zeit hatte K. anerkannt, es galt nur, das ihr entsprechende soziale Netz zu schaffen, eine Aufgabe, der sich im Anschluß an K. später das Zentrum als politische Kraft des Katholizismus widmen sollte. K. war jedoch nicht nur als sozialer Bischof eine Leitfigur innerhalb des deutschen Katholizismus. In seiner Schrift Freiheit, Autorität und Kirche äußerte er sich 1862 zu aktuellen Fragen seiner Zeit. Sein Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Kirche verhinderte mehrfach seine Berufung auf bedeutende Bischofssitze.

 

Auch innerkirchlich war K. ein unerschrockener Kämpfer für die Freiheit. Obwohl persönlich von der Unfehlbarkeit des Papstes überzeugt, wehrte er sich doch gegen ihre Dogmatisierung auf dem I. Vaticanum. K. betonte die enge Verwurzelung des Primats im Kollegium der Bischöfe. Vorzeitig aus Rom abgereist, unterwarf er sich jedoch vorbehaltlos dem Spruch der Majorität.

 

Als Abgeordneter des Reichstags versuchte K. 1871 den Kulturkampf zu verhindern, ein Vorhaben, bei dem er und die Zentrumsfraktion unterlagen. Unermüdlich im Dienste seiner Kirche und der Seelsorge wurde K. zum Symbol des um die Selbstbehauptung kämpfenden deutschen Katholizismus. Sein Leben endete 1877 auf der Rückreise von Rom, wo er an den Feierlichkeiten aus Anlaß des 50jährigen Bischofsjubiläums von Papst Pius IX. teilgenommen hatte.